Diagnostische Anästhesien beim Pferd


Diagnostische Anästhesien betäuben gezielt Nerven oder Strukturen, um die schmerzhafte Region einer Lahmheit Schritt für Schritt einzugrenzen, bevor gezielt weiterführende Bildgebung eingesetzt wird.

Bei einer Lahmheit besteht eine der wichtigsten Aufgaben der orthopädischen Untersuchung darin, die schmerzhafte Region möglichst genau zu lokalisieren.

Das Pferd kann uns nicht mitteilen, wo genau der Schmerz entsteht. Zudem ist die Ursache einer Lahmheit nicht immer von außen sichtbar oder durch Abtasten eindeutig festzustellen.

In solchen Fällen gehören diagnostische Anästhesien zu den wichtigsten Untersuchungsmethoden der modernen Lahmheitsdiagnostik.

Was ist eine diagnostische Anästhesie?

Bei einer diagnostischen Anästhesie wird ein Lokalanästhetikum gezielt an bestimmte Nerven oder direkt in anatomische Strukturen wie ein Gelenk oder eine Sehnenscheide verabreicht.

Dadurch wird die Schmerzempfindung in einem definierten Bereich vorübergehend ausgeschaltet.

Anschließend wird das Pferd erneut in Bewegung beurteilt.

Verbessert sich die Lahmheit deutlich, liefert dies einen wichtigen Hinweis darauf, dass der Ursprung des Schmerzes innerhalb des betäubten Bereichs liegt.

So lässt sich die schmerzhafte Region Schritt für Schritt eingrenzen.

Warum sind diagnostische Anästhesien so wichtig?

Eine Lahmheit kann aus vielen verschiedenen Strukturen entstehen – beispielsweise aus einem Gelenk, einem Knochen, einer Sehne, einem Band oder dem Huf.

Nicht immer lässt sich anhand des Gangbildes eindeutig erkennen, welche Struktur betroffen ist.

Diagnostische Anästhesien helfen deshalb, zunächst eine zentrale Frage zu beantworten:

Wo sitzt der Schmerz?

Erst wenn diese Region möglichst genau lokalisiert wurde, kann anschließend gezielt untersucht werden, welche Struktur dort die Lahmheit verursacht.

Leitungsanästhesien

Bei einer Leitungsanästhesie wird eine kleine Menge Lokalanästhetikum gezielt in die Nähe bestimmter Nerven injiziert.

Dadurch wird die Schmerzleitung aus einem definierten Bereich der Gliedmaße vorübergehend unterbrochen.

In vielen Fällen beginnt die Untersuchung im unteren Bereich der Gliedmaße und wird – abhängig vom Ergebnis – schrittweise weiter nach oben fortgesetzt.

Nach jeder Anästhesie wird ausreichend Zeit für den Wirkungseintritt abgewartet und das Pferd anschließend erneut im Trab beziehungsweise unter den für die Untersuchung geeigneten Bedingungen beurteilt.

Verbessert sich das Gangbild deutlich, kann die Ursache der Lahmheit auf den entsprechenden Bereich eingegrenzt werden.

Gelenke, Sehnenscheiden und Schleimbeutel gezielt untersuchen

Neben den Leitungsanästhesien können auch einzelne anatomische Strukturen direkt betäubt werden.

Dabei wird das Lokalanästhetikum beispielsweise in

  • ein Gelenk,
  • eine Sehnenscheide oder
  • einen Schleimbeutel

injiziert.

Diese sogenannten synovialen Anästhesien können dabei helfen festzustellen, ob eine bestimmte Struktur tatsächlich für die Lahmheit verantwortlich ist.

Sie werden unter streng sterilen Bedingungen durchgeführt.

Wie läuft die Untersuchung ab?

Vor jeder diagnostischen Anästhesie wird die Lahmheit zunächst sorgfältig beurteilt.

Anschließend wird eine kleine Menge Lokalanästhetikum mit einer feinen Kanüle an die gewünschte Stelle verabreicht.

Nach einer kurzen Wartezeit wird das Pferd erneut vorgeführt und das Gangbild mit dem Ausgangsbefund verglichen.

Je nach Lokalisation der Lahmheit können mehrere aufeinander aufbauende Anästhesien notwendig sein. Eine ausführliche Lahmheitsdiagnostik kann deshalb entsprechend Zeit in Anspruch nehmen.

Die meisten Pferde tolerieren die Injektionen sehr gut. Sollte eine sichere Durchführung aufgrund des Verhaltens des Pferdes nicht möglich sein, wird das weitere Vorgehen individuell angepasst.

Warum nicht einfach direkt röntgen oder Ultraschall machen?

Bildgebende Verfahren sind ein entscheidender Bestandteil der orthopädischen Diagnostik. Sie beantworten jedoch eine andere Frage.

Ein Röntgenbild kann beispielsweise eine Arthrose zeigen – diese muss aber nicht zwangsläufig die Ursache der aktuellen Lahmheit sein.

Umgekehrt können Pferde erhebliche Schmerzen haben, obwohl im Röntgenbild zunächst keine deutlichen Veränderungen sichtbar sind.

Deshalb gilt vereinfacht:

Die diagnostische Anästhesie lokalisiert den Schmerz – die Bildgebung sucht anschließend nach der Ursache.

Auf diese Weise können Röntgen, Ultraschall oder andere bildgebende Verfahren gezielt auf die tatsächlich relevante Region konzentriert werden.

Gezielte Bildgebung nach der Lokalisation

Ist die schmerzhafte Region eingegrenzt, wählen wir abhängig vom Befund die passende weiterführende Diagnostik.

Hierzu gehören beispielsweise:

  • Röntgen zur Beurteilung knöcherner Strukturen und bestimmter Gelenkveränderungen
  • Ultraschall zur Untersuchung von Sehnen, Bändern, Gelenken und anderen Weichteilstrukturen
  • MRT zur detaillierten Darstellung von Knochen und Weichteilen, insbesondere bei komplexen oder im Röntgen und Ultraschall nicht eindeutig darstellbaren Veränderungen

Gerade im Bereich des Hufes kann die Magnetresonanztomographie einen wichtigen diagnostischen Mehrwert bieten, da viele relevante Strukturen aufgrund der Hufkapsel mit Ultraschall nur eingeschränkt untersucht werden können.

In unserer Praxis kann die MRT-Untersuchung bestimmter Gliedmaßenregionen am stehenden, sedierten Pferd durchgeführt werden. Eine Vollnarkose ist hierfür in der Regel nicht erforderlich.

Die Kombination aus präziser Schmerzlokalisation und gezielter moderner Bildgebung ermöglicht eine möglichst genaue Diagnose.

Was sind die Risiken?

Diagnostische Anästhesien sind bei fachgerechter Durchführung eine etablierte und sichere Untersuchungsmethode.

Bei Leitungsanästhesien sind Komplikationen selten.

Bei Injektionen direkt in ein Gelenk, eine Sehnenscheide oder einen Schleimbeutel besteht grundsätzlich ein sehr geringes Risiko, Bakterien in die betreffende Struktur einzubringen.

Deshalb werden synoviale Anästhesien unter streng aseptischen Bedingungen durchgeführt.

Auch nach einer erfolgreichen Betäubung wird das Pferd kontrolliert und nur in einem Umfang bewegt, der für eine sichere Beurteilung notwendig ist.

Was ist nach einer diagnostischen Anästhesie zu beachten?

Die Wirkung des Lokalanästhetikums hält noch eine gewisse Zeit an.

Solange die Sensibilität einer Gliedmaße reduziert ist, sollte das Pferd nicht trainiert oder unkontrolliert bewegt werden.

Abhängig von der durchgeführten Anästhesie und dem weiteren Untersuchungsverlauf erhalten Sie von uns entsprechende Hinweise für die Zeit nach der Untersuchung.

Präzise Lahmheitsdiagnostik statt Suche auf Verdacht

Eine Lahmheit zeigt zunächst nur, dass etwas schmerzt. Sie sagt jedoch nicht automatisch, welche Struktur die Ursache ist.

Diagnostische Anästhesien ermöglichen es, den Schmerz systematisch einzugrenzen und anschließend gezielt die passende Bildgebung einzusetzen.

Dadurch können auch komplexe oder geringgradige Lahmheiten strukturiert untersucht und Zufallsbefunde von tatsächlich klinisch relevanten Veränderungen unterschieden werden.

Unser Behandlungsprinzip

Zuerst den Schmerz präzise lokalisieren – anschließend die Ursache mit der passenden Bildgebung sichtbar machen.

Durch die Kombination aus orthopädischer Untersuchung, diagnostischen Anästhesien sowie moderner Bildgebung mit Röntgen, Ultraschall und stehender MRT schaffen wir die Grundlage für eine möglichst präzise Diagnose und eine individuell angepasste Therapie.